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Gestern bat mich meine Lieblingsschwiegermutter (ja, so was gibt es, auch wenn man nur eine hat) meinen seit Jahren dornröschengleich schlummernden Blog endlich wieder wachzuküssen. Und weil man Schwiegermüttern nicht widerspricht, sitz ich nun wieder hier, vor diesem blütenweißen Editor, der einerseits so einladend aussieht und andererseits höhnisch raunt: „Ey Alte, dir fällt doch eh nix ein.“

In der Tat hatte ich es – was meinen Blog angeht – in den letzten Jahren mit einer ausgewachsenen Schreibblockade zu tun. Während im gleichen Zeitraum 100 Artikel aus meiner Feder flossen (naja manchmal tröpfelte es auch eher) blieb der Editor der Nachbarin leer oder wurde, nach verschiedenen verzweifelten Anläufen resigniert wieder geschlossen. Nun habe ich in einer kleinen Innenschau nochmal versucht, das „Warum“ dafür zu klären.

Hier also das, was ich da drinnen so gefunden habe:

Dornröschen

Meine Tochter ist kein Kindergartenkind mehr. Schon lange nicht. Sie ist alt genug, um meine Einträge von früher selbst zu lesen und sich dabei kringelig zu lachen. Sie ist alt genug, per WhatsApp Kontakt zu ihren Freunden zu halten. Sie ist noch nicht alt genug, um zu ermessen, was es bedeutet, wenn private Details über das eigene Leben und das der Familie im Internet stehen. Aber Hand aufs Herz, wer ist das schon…

Dank der Datenschutzgrundverordnung, die genauso nervig ist, wie das Wort suggeriert, sicher aber eine großartige Existenzberechtigung hat, müssen Familienblogger im Impressum nicht nur die vollständige Adresse angeben, sondern auch noch ihren blödesten Spitznamen aus der Grundschule (Pumuckl), die Schlüppergröße (pendelt zwischen 36 und 42) und den Zustand des rechten Fußes (Platt-Spreiz-Senk mit Hammerzehen). Solche Dinge öffentlich preiszugeben ist eine Sache, wenn es sich um den Bloggenden selbst handelt. Eine ganz andere, wenn es um ein Kind geht…

Aua Lebensmitte

Zudem hat mich 2017 die 40 ereilt. Und prompt hat mich, wie bereits erwähnt, der Humor verlassen. So eine Lebensmitte ist nichts für Weicheier. Nur Hartgekochte, wie meine Mum, die nächste Woche die 70 feiert, lässt der Wechsel der Zehnerzahl so richtig kalt. Ich dagegen versuche jetzt seit drei Jahren, mich daran zu gewöhnen, dass ich mich nun in der Lebenshälfte des körperlich-geistigen Abbaus befinde. Wie sagte kürzlich eine gute Freundin: Ich weiß, dass alles, was ich so an Schmerzen habe, nie wieder weggehen wird. Sie ist übrigens gerade 40 geworden.

Mir persönlich machten in den letzten Jahren vor allem die Hormone zu schaffen. Es fühlt sich manchmal an, als würde eine Bowlingkugel namens „15., 20., 28. oder einfach beliebiger Zyklustag“, alle Hormonkegel mit einem gezielten „Full Strike“ umzimmern und beim Aufheben verheddern sich die Schnüre. Da baumelt mein „Ich“ dann so rum, mit allen unangenehmen mentalen und körperlichen Begleiterscheinungen. Während ich schreibe, sind es gerade Migräne linksseitig und Kieferschmerzen. Am blödesten sind Weltschmerztage oder Ich-hau-euch-alle-kaputt-Tage. Manchmal fallen beide auch auf ein Datum.

Eine ganze Weile lang half es nicht, mir Sprüche, wie diese hier durchzulesen: „Ich wünschte, ich könnte meinen Körper ins Fitnessstudio bringen und ihn abholen, wenn er fertig ist.“ Oder: „Sobald man über 40 ist, stellt man sich jeden Tag dieselbe Frage: Bin ich krank oder ist das jetzt der Normalzustand?“ Oder: „Morgens steht man auf und verbringt den Tag damit einzusehen, dass das ein Fehler war. Abends kommt man dann zur Vernunft und legt sich wieder hin.“ Mittlerweile kann ich ernsthaft drüber lachen und die Schnüre entwirren sich wieder schneller.

Das ist also das „Darum“. Vielleicht hilft es mir, darüber geschrieben zu haben, wenn ich das nächste Mal vor dem weißen Editor sitze und über Themen wie „Genderisierung*in die/der Sprachin und Sprache“, „Die Spinne am Autodach“ oder „Was in den letzten Jahren so passiert ist“, schreibe. Wenn nicht gibt es Haushaltstipps, Bastel-Anleitungen und schwermütige Gedichte.

Man sieht sich!

Eure Nachbarin