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100 Farben blau

100 Farben blau

Als wir am Morgen in Parma aufwachen, wird uns erstens klar, dass unser Urlaub ein Ablaufdatum hat und zwar in fünf Tagen. Zweitens sieht es tatsächlich so aus, als würden wir vorher unser Traumziel erreichen. Das Mittelmeer wartet heute auf uns und die Sonne strahlt vom Himmel, als wir die Auffahrt zur Autobahn E33 in Richtung Südwesten nehmen. Gut zwei Stunden trennen uns von unserem heutigen Ziel Marina di Pisa.

Mal links und mal rechts vom Highway mäandert der Fluss Taro in seinem flachen, weiten Bett, das nach dem trockenen Sommer mehr Kies offenbart, als Wasser führt. Ein spektakulärer Anblick, der bald von den immer höher aufragenden Bergen der Emilia Romagna abgelöst wird. Die Morgensonne bringt die dichten Nebelfelder zum leuchten, die aus den Tälern aufsteigen, während sich die Gipfel der Berge im Gegenlicht daraus erheben. Das Bild wirkt wie in Sepia getaucht und brennt sich als Erinnerung in die Netzhaut ein. Italien ist einfach so wunderschön.

Fluss Taro

Fluss Taro

Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, gewinnt die Sonne an Kraft. Der weiße Dunst weicht einer saftiggrünen Vegetation, die sich die Steilhänge hinaufzieht und wir staunen über kleine Dörfchen und Burgen, die selbstsicher ganz oben auf den Gipfeln balancieren. Ein bisschen sind wir auch dankbar, dass wir dort mit unserem Brummi nicht hinaufmüssen. Papa Hose, der es nicht so mit der Höhe hat, erinnert sich immer noch mit Grausen an die Serpentinen in unserem Dolomitenurlaub vor fünf Jahren. Und damals saßen wir in einem kompakten, relativ wendigen Allrad-Auto.

Mit unserem Womo folgen wir aber lieber relaxed mit gemütlichen 120 km/h unserer Autobahn, über Brücken und durch Tunnel bis nach Ligurien, das sich wie eine Art Schulterpolster des Meeres von Monaco über Genua bis südlich der Cinque Terre an der Küste entlangzieht.

Nach einigen Kilometern holt uns die Toskana wieder ein und schon sind wir mitten im Marmorland. Linkerhand erheben sich die Apuanischen Alpen und dort aus Carrara kommt es her, das gleichnamige weiße Gestein, das zu den bekanntesten der Welt gehört und in der Gegend abgebaut und weiterverarbeitet wird. Zu Treppen und Arbeitsplatten, Waschbecken und natürlich auch zu bildhauerischer Kunst.

Immerhin verhalf Michelangelo dem Carrara-Marmor einst zu Berühmtheit, denn er schuf zum Beispiel seinen legendären David aus einem selbst ausgewählten Block. Solche Blöcke sehen wir nun links und rechts der Fahrbahn soweit das Auge reicht. Ein spektakulärer Anblick, der uns begleitet, bis wir tatsächlich die Ausfahrt Pisa erreichen.

Ein paar Kilometer und drei bis zehn der landestypischen Kreisverkehre weiter, fahren wir auf einer langen, geraden Straße am Fluss Arno entlang auf Marina die Pisa zu. Am Ufer reiht sich ein Bootshändler an den nächsten, ins Landesinnere hinein erstreckt sich eine weite grüne Ebene und dann gleich zu Beginn der Ortschaft unser Stellplatz Area Sosta Camper.

Sagen wir mal so: Flankiert von ein paar Wohnblocks und einer immerhin recht ansehnlichen, weil neu gestalteten Tankstelle, kann der Platz nicht mit unserem Gardasee-Paradies mithalten. Dennoch soll er sich für uns – ganz unerwartet – als der perfekte Ort erweisen. Zunächst einmal sind wir aber da, und nachdem wir das Mobil geparkt und angestöpselt haben, reißen wir gleich unsere Räder vom Träger.

Wir sind hier nicht zum Spaß. Wir wollen das Meer sehen!!! Nach fünf Minuten Fahrtweg entlang eines duftenden Pinienhains und über kaum befahrene breite Straßen, erstreckt sich vor uns ein Strand mit blütenweißen, faustgroßen Kieseln, die ich gerne einpacken und zu Hause in unserem Vorgarten verteilen möchten. Dahinter das Meer in einer unglaublichen glasklaren Farbe.

Durch mint- und türkisfarbene sanfte Uferwellen watet man hier in ein tiefsattes Aquablau hinein, von dem sich der Himmel ganz zart abhebt. Die türkis-blaue Palette ist in den letzten Jahren klamottentechnisch zu meinem Markenzeichen geworden und deshalb befinde ich mich hier gerade im siebten Himmel (und möchte das Meer gerne anziehen).

Kieswall Marina di PisaWeißer Strand Marina di Pisa

Während ich es mir am Ufer so gemütlich mache, wie es halt auf einem Haufen Kieselsteine möglich ist, stürzen sich Mann und Kind samt Schwimm-Doughnut ins Wasser – soweit es eben auf Kieselsteinen und angesichts oktoberlicher Wassertemperaturen möglich ist. Also halt eher in Slow Motion. Bis dann doch noch unerwartet Bewegung in meinen Mann kommt und er mit einem hohen Quietschen wieder aufs Ufer zurück hechtet. „Da ist was an mir vorbeigeschossen wie ein Pfeil“, ruft er mit leichter Panik in der Stimme.

Während er sich wild nach einem vermeintlichen Fliegenfischer oder einem Typ mit grüner Kappe, grünem Wams und Armbrust im Anschlag umsieht, kommt mir das Wort Seenadel in den Sinn. Und tatsächlich scheint es einer dieser dürren langen Knochenfische gewesen zu sein, die Papa Hose in Angst und Schrecken versetzt haben. Tochter Hose ist viel zu versunken in ihr Lieblingselement, als dass es sie aus ihrer Ruhe gebracht hätte.

Wir beschließen den Tag eine Stunde später mit Seefisch und Pizza unter der italienischen Sonne, direkt an der ruhigen Uferpromenade, wo sich adrette Häuschen samt Eisdielen, Cafés und Ristorantes aneinanderreihen. Es ist ruhig hier in Marina di Pisa. Die Saison ist eindeutig vorbei und wir genießen die langsame Gangart und die milden Temperaturen. Heute ist uns nach nichts mehr. Zurück auf dem Stellplatz wasche ich ein bisschen Wäsche im Spülbecken unseres Wohnmobils und hänge die guten Stücke zum Trocknen auf eine Leine, die ich zwischen dem Seitenspiegel und einem Holzzaun spanne.

Unsere Tochter macht den Platz unsicher und freundet sich mit jeder Katze an, derer sie habhaft werden kann. Und noch ein paar andere Bewohner lernen wir eher unfreiwillig kennen, denn hier wimmelt es vor Moskitos. Wie gut, dass wir Fliegengitter an allen Fenstern haben. Den Abend verbringt Papa Hose lesend in seiner Koje, während die Tochter und ich uns gemütlich im Cockpit einrichten und „The Masked Singer“ auf dem iPad schauen. Alles ist gut!

Eure Nachbarin – entspannt

Ach du heiliger Ibis – Begegnungen in Parma

Ach du heiliger Ibis – Begegnungen in Parma

Von Sigurta aus geht es heute nicht mehr auf die Autobahn. Unser Übernachtungsziel Parma erreichen wir über Land und ich genieße diese Fahrt sehr. Noch nie war ich in der Po-Ebene, die als fruchtbarste Region Italiens gilt – ein wahres Landwirtschaftsparadies. Wir zuckeln durch kleine Ortschaften und an Feldern vorbei, meist hinter einem überdimensionierten Traktor mit gigantischem Anhänger. Die späte Nachmittagssonne taucht die Ebene in ein warmes Gegenlicht, der Horizont ist weit, weit entfernt. Hier werden Zuckerrüben, Mais, Weizen, Wein und tatsächlich auch Reis angebaut, wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Die Landschaft ist von vielen Kanälen und Wegen durchzogen. Manchmal taucht unversehens ein historisches Steinportal am Straßenrand auf, durch das eine ellenlange Zufahrt zu einem Anwesen führt, das wir kaum noch in der Ferne ausmachen können.

SilberreiherWir kommen durch Mantua mit seinen vier Seen Lago Superiore, Lago di Mezzo, Lago Inferiore und Lago Paiolo. Dann durch Montanara, Campitello, San Silvestro, Sanguigna und San Polo und nicht nur ich finde, das Italienisch einfach Musik in der Ohren ist. Kirchengebäude, wechseln sich mit Farmen und altehrwürdigen Friedhöfen ab. Vom Wohnmobil aus können wir über die hohen Mauern die prächtigen Grabmale erkennen. Auf den feuchten Wiesen haben sich ganze Vogelkolonien zum Schnacken verabredet. Wir sehen Silberreiher, wie links im Bild, die nicht etwas silber sind, wie Graureiher, sondern reinweiß (deshalb heißen sie auch Silberreiher oder so). Und wir entdecken große Vögel mit krummen säbelartigen Schnäbeln, die verdächtig nach Zootier aussehen.

Tatsächlich sind es Heilige Ibisse, die nicht etwa so heißen, weil sie aus dem Vatikan abgehauen sind, sondern weil sie von den alten Ägyptern als Inkarnation des Gottes Thot verehrt wurden. Der hat nichts mit dem Sensenmann zu tun, sondern ist der Gott des Mondes, der Magie, der Wissenschaft, der Schreiber, der Weisheit und des Kalenders. Klingt nett, finde ich. Früher waren die Ibisse nur in Afrika unterwegs. Dem Klimawandel oder sonst wem sei Dank siedeln sich die Wasservögel aber nun immer mehr in Europa an, zum Beispiel am Po-Delta. Ihre Heiligkeit hilft ihnen dabei wenig, denn die EU will die Langbeiner nicht und hat sie kurzerhand auf die „Liste der unerwünschten Spezies“ gesetzt.

Da stehen derzeit 36 Tierarten drauf, die sich in Europa tummeln, aber eigentlich nicht hier hin gehören und deshalb das Ökosystem gefährden. Einige davon habe ich sogar selbst schon gesehen und mich immer gefreut. Die Nilgänse am Rhein, das Streifenhörnchen, das mir im Wald vor die Füße lief, die Waschbär-Mama mit ihren Kleinen, die keinen Kilometer von unserem Haus entfernt die Straße überquerte, die Nutrias im Bonner Rheinauenpark, die jetzt sterilisiert werden sollen. Noch nicht auf der schwarzen Liste stehen übrigens die echt lauten Halsbandsittiche, die irgendwann mal aus dem Kölner Zoo ausgebrochen sind und jetzt in unserem Garten rumfliegen und auch nicht die monstermäßige Nosferatu-Spinne. Ein Versäumnis, wie ich finde, hat doch der gleichnamige Film nicht umsonst den Untertitel „Symphonie des Grauens“.

Aber ich schweife ab, dabei sind wir gleich schon in Parma. Ehrlicherweise haben wir von hier nicht so viel zu berichten, denn wir haben uns die Stadt nicht angesehen. Wir hätten gerne, aber unsere Urlaubstage gehen zur Neige und Pisa trumpft diesmal einfach Parma. An der Autobahnabfahrt erleben wir immerhin einen echten italienischen Autofahrer in Aktion. Er schneidet uns und setzt sich zwischen uns und einen Kleinwagen, der langsam und unsicher vor ihm herschleicht. Daraufhin startet er ein Hupkonzert, faltet die Hände zu einem inbrünstigen „Dios mio!“, ergänzt von diesem typisch einhändigen Wedeln mit aneinandergelegten Fingerspitzen („Mamma mia!“). Wir genießen das Spektakel von unserem hohen Rang und sind durchaus beeindruckt. Anthony Quinn soll mal gesagt haben, Italienisch sei eine Gebärdensprache, deren Verständlichkeit durch Worte erschwert werde.

Mamma Mia Geste Blick aus Womo-Fenster auf andere Camper

Dass man zumindest kein Italienisch können muss, um einen Italiener zu verstehen, erleben wir dann tatsächlich auf unserem Stellplatz in Parma. Der liegt gleich an der Autobahn und ist recht voll. Wir sind gemütlich umringt von vielen anderen Wohnmobilisten. Ein Mann brät Steaks auf einem Kugelgrill. Mein eigener versucht mal wieder die Campingplatz-Toilette zu benutzen und kommt kurz darauf mit angewidertem Gesichtsausdruck zurück. „Es war nicht sauber und die Klobrille war zerbrochen und mit bröckeligem Panzertape geklebt“, beschwert er sich. Na, immerhin gab es eine Klobrille. Das ist auf vielen Stellplätzen in Italien nämlich nicht der Fall, wie ich aus Bewertungen auf park4night weiß. Egal, uns bleibt ja die blitzblanke Bordtoilette, die dank des hart erkämpften Sanitärzusatzes jetzt riecht, wie eine Blumenwiese.

Unser Abendausflug führt uns zum Lidl nebenan. Dafür für müssen wir am Häuschen des Platzwartes vorbei. Der kleine Mann hüpft begeistert auf und ab, als er uns sieht, und winkt uns mit großen Gesten zu sich, bevor er einen Schwall seiner wunderbaren Muttersprache auf uns niederprasseln lässt. Mein vorsichtig eingeworfenes „Scusi, non parliamo italiano“ nimmt er mit strahlendem Lächeln zur Kenntnis und erzählt völlig unbeeindruckt weiter.

Dass er schon in Köln und Leverkusen gearbeitet hat, immer zur Sommersaison, zwei bis drei Monate lang. Dass er die Deutschen liebt, weil sie so klar und organisiert sind und das italienische „Kommst du heut nicht, kommst du morgen“ hasst. Dass der Cousin der Mutter eines Freundes mal eine Autopanne hatte und der Kfz-Typ ihn zehn Tage lang vertröstet und dann 3000 Euro verlangt hat. Dass er dann die Polizei eingeschaltet hat und am Ende doch nicht zahlen musste. Woher ich das alles weiß? Jahahahaha… Äh, ich habe keinen blassen Schimmer. Aber ich schwöre, das hat er erzählt.

Die Nachbarin – kann gut Gebärdensprache

Der mit dem Sanitärzusatz tanzt

Der mit dem Sanitärzusatz tanzt

Nach einer ruhigen Nacht weckt uns am nächsten Morgen der Tatendurst. Verona wollte uns nicht, also will ich mit meiner Familie wenigstens in den Sigurtapark. Der ist nämlich wunderschön und das Beste: Man kann mit einem Golfcart durchfahren. Außerdem liegt er durchaus auf unserer Strecke nach Parma, wo wir die nächste Nacht verbringen wollen. Bevor wir abreisen, ist jedoch noch die Entsorgungsoper in drei Akten fällig. Diesmal unter dem Motto „Der mit dem Sanitärzusatz tanzt“.

Wir bezahlen unsere zwei Nächte bei der netten Rezeptionistin und ihrem Malteserhündchen, das uns aus einer Umhängetasche heraus anhechelt. Danach entsorgen wir sämtliche Abwasser routiniert am hinteren Ende des gepflegten Platzes. Gerade recke ich schnüffelnd die Nase in die Luft und danke im Geiste meiner Eingebung, zwei Tage zuvor NICHT Stellplatz 2 in unmittelbarer Nähe, sondern Stellplatz 7 in weitestmöglicher Entfernung dieses Ortes gewählt zu haben, als ich meinen Mann motzen höre. Er hat zum ersten Mal die Toilette per Hand gereinigt und will nun den Hygienezusatz einfüllen. Allein, die Flasche geht nicht auf. Nun bin ich eigentlich diejenige, die regelmäßig an kindersicheren Verschlüssen verzweifelt. Sie erfolgreich zu öffnen, ist in meinen Anlagen einfach nicht vorgesehen. Runterdrücken und gleichzeitig zur Seite drehen überfordert mich.

Böse FlascheAber dafür habe ich ja meinen Mann. Der ist ans Scheitern nicht gewöhnt und hartnäckig noch dazu. Im 20-minütigen Bühnenstück „Mann gegen Flasche“ verschlechtert sich seine Stimmung jedoch mit jeder neuen Szene. Die Konfrontation mit dem renitenten Plastikteil gleicht erst einem Tänzchen, dann eher einem Ringkampf. In diesen Phasen ist der Herr tunlichst nicht zu stören. Von seinem Ziel abbringen lässt es sich ohnehin nicht, auch wenn im Nachgang heftige Verspannungen mit Migränepotential lauern. Nach erfolglosen Einsätzen eines Gästehandtuchs (damit man besseren Grip hat), eines YouTube-Erklärvideos (komisch, alle anderen bekommen die auf) und eines Leatherman-Multitools (das wir leider auch nicht aufkriegen), hat der Flasche letztes Stündlein geschlagen.

Unter wüsten Flüchen und verschwitzt, von Abwasserschwaden umwabert, von Kanalratten angenagt und von Moskitos zerstochen, macht Papa Hose dem Deckel mit einem Küchenmesser endlich den Garaus und erhält tosenden Applaus. Nebenan hat es sich nämlich ein Rentnerpaar mit Popcorn und Radler vor ihrem Camper auf Stellplatz 2 gemütlich gemacht und dankt heute wohl zum ersten Mal seit der Ankunft seiner Eingebung, GENAU diesen Platz gewählt zu haben. Mit einer leichten Verbeugung in ihre Richtung und einem verkniffenen Gesicht in meine entert mein Held schließlich den Fahrersitz und wir rauschen mit knirschenden Reifen von der Bühne.

Eure Nachbarin – zerstochen

PS: Das stille Örtchen im Wohnmobil kann also ein Hort der Freude sein, wenn man von öffentlichen Toiletten spontan Verstopfung bekommt (so wie der Hochsensible an sich). Bezahlen muss man die Bequemlichkeit und Hygiene dann mit der häufigeren Entsorgung. UND wenn Kinder die Toilette benutzen. „Es ist ganz einfach Schatz: Du gehst ins Bad und schließt die Tür. Dann öffnest du den Klodeckel und dann mit dem Schieberegler da unten den Abfluss. Wenn du dein Geschäft erledigt hast, drückst du den Knopf da und ziehst ab. Dann erst machst du den Schieberegler zu und dann den Deckel. Händewaschen nicht vergessen!“ Diese Ansage habe ich auf unserer Tour jeden Tag erfolglos wiederholt. Irgendwann mit der genervten Einleitung: „Wie oft soll ich dir das denn noch sagen?“

Der Zug ist abgefahren…

Der Zug ist abgefahren…

Das ist die Geschichte von Familie Hose und der italienischen Eisenbahn. Wir werden zumindest in diesem Urlaub keine Freunde mehr. Alles beginnt mit der Idee, den Sonntag im 40 Kilometer entfernten Verona zu verbringen. Die Regenfront, die heute eigentlich von Ost nach West durch Italien ziehen soll, scheint sich einen anderen Weg gesucht zu haben. Dafür ist es ein bisschen frisch, so dass noch nicht mal meine Familie an einen Strandtag denkt. Ideal also für eine Städtetour.

Aber wie kommen wir da hin? Das Wohnmobil wollen wir nicht bewegen, es lebt gerade in einer so schönen Koexistenz mit Stellplatz 7. Mit dem Rad ist es zu weit, schließlich haben wir ein Pubertier ohne (E-)Antrieb dabei. Mein Mann will nicht mit dem Bus, weil „der gurkt rum und hält ja an tausend Haltestellen“. Davon abgesehen scheitere ich grandios daran, den kryptischen Fahrplan zu verstehen, was vor allem daran liegt, dass nirgendwo der Name der Bushaltestelle steht, die sich direkt vor unserem Platz befindet. Bleiben also noch Helikopter, Gummiboot oder der Zug, für den wir uns schließlich nach zwei Stunden Diskussion entscheiden. (Hätten wir doch den Helikopter genommen…)

Busfahrplan

Die Bahn nach Verona fährt natürlich nicht um die Ecke ab, sondern in 30 Fahrradminuten Entfernung. Also mal wieder aufsitzen und los. Die Tour zieht sich dann doch ganz schön, weil der Bahnhof von Desenzano nicht in Downtown liegt, sondern irgendwie in den Hügeln – am höchsten Punkt der Stadt. Vielleicht sollten wir bei der nächsten Routenplanung das Höhenprofil mit einbeziehen. Aber schließlich sind wir da.

Damit wir die Räder nicht anschließen müssen, bleibt Papa Hose draußen und ich gehe mit Tochter Hose rein, um Tickets zu kaufen. Am Fahrkartenschalter stehen jede Menge Leute an und so gehen wir lieber zum Automaten. Eine Weile stehen wir verständnislos davor, bis wir merken, dass es sich um ein Zigarettenautomaten handelt. Etwas peinlich berührt schauen wir uns weiter um. Schließlich werden wir am anderen Ende des Ganges fündig und schaffen es sogar ohne Probleme drei Hinfahrtickets für 20 Euro zu ziehen.

Kurz darauf stehen wir wieder vorm Bahnhof. Was nun? Nochmal ganz runter in die Altstadt und dann wieder rauf? Oder eine Stunde warten bis der Zug fährt? Wir entscheiden uns für die Stadt, lassen uns rollen und setzen uns dann auf eine Bank an der schönen Promenade. Leute und Hunde gucken geht immer, und das Wasser hat heute einen Farbton wie in der Karibik. Lange halten wir uns nicht auf, denn Verona ruft.

Räder am Hafen von Desenzano Anleger in Desenzano Gassen in Desenzano

Etwas außer Atem, doch voller Vorfreude stehen wir wieder pünktlich vorm Bahnhof. Romeo und Julia – wir kommen. Etwas umständlich schließen wir die Räder an drei verschiedenen Stellen an und verstauen alles, was nicht wertvoll ist und nicht mitmuss in den Satteltaschen. Nun kann es losgehen. Dynamischen Schrittes entern wir das Gebäude und zucken zusammen, als wir den Bildschirm mit den Abfahrtszeiten sehen: Alle Züge nach Verona sind gecancelt.

Ein in der Zwischenzeit am Fahrkartenautomaten angebrachter Zettel informiert uns über den heutigen Streik der Bahner im Regionalverkehr. „Der hing vorhin aber noch nicht da“, sage ich meinem Mann und stürme zum Fahrkartenschalter. Kopfschüttelnde Menschen kommen mir entgegen, andere stehen gestikulierend am vorderen Ende der Schlange. Hinter der Glasscheibe bedauernde Mienen. „Nein, heute wird kein Zug mehr nach Verona gehen. Vielleicht am Abend, nach neun.“ Unser Geld bekommen wir leider auch nicht wieder, denn wir haben die Karten ja am Automaten gekauft, das ist ein anderer Betreiber. Es gibt aber eine Verkaufsstelle, wo wir versuchen können, unser Geld zurückzubekommen. „Und wo ist die?“ – „In Verona!“

Die nächsten zehn Minuten verbringen wir damit, unsere Köpfe vor die Bahnhofswand zu schlagen. Dann lassen wir uns seufzend den Berg wieder runterrollen und stehen kurz darauf wieder in der Altstadt von Desenzano. Ehrlicherweise könnte es uns schlimmer treffen. Und so lockert der romantische Yachthafen schließlich unsere verspannten Gesichter und entkrampft unsere geballten Fäuste. Das Leben muss ja weitergehen.

Mann und Kind entdecken einen Hummer (vielleicht auch eine Languste), der/die aussieht, als hätte sie sich gerade im angrenzenden Restaurant aus dem Kochtopf gerettet. Immer noch aufgeregt und schweratmend (das sehen wir nicht, aber das denken wir uns) sitzt sie auf einer Stufe am Wasser. Kurz darauf beobachten wir, wie sie sich ins rettende Nass plumpsen lässt. „So ihr Feinschmecker, heute gibt es Pizza statt Meeresfrüchte.“ (Schmeckt eh viel besser!)

Blumige Promenade von Desenzano Mädchen springt in einem Herz vor dem See Blick durch Zypressen auf Desenzano

In einem kleinen Imbiss gönnen wir uns denn auch die zweite Pizza des Urlaubs und sie ist ganz anders, aber genauso grandios wie die erste. Ich möchte diese Pizza heiraten, aber ich bin ja schon vergeben. Und so begnüge ich mich damit, sie gierig zu verschlingen. Wir verbringen diesen Tag schlendernd in den Gassen und genießen einen Weitblick vom „Castello di Desenzano del Garda“ über die Dächer und den See. Die Besichtigung des Kastells verkneifen wir uns. Es kostet Geld und das steckt ja bekanntlich in den nutzlosen Bahntickets, die wir an diesem Tag mit uns herumtragen. Auf dem Rückweg stoppen wir noch an einer im Internet vielbesungenen Konditorei. Nach diesem Tag steht uns Großen der Sinn nach einem süßen italienischen Törtchen.

Das Kind entscheidet sich klugerweise für ein Crêpe mit Nutella. Gott sein Dank, denn als wir draußen herzhaft in unsere verheißungsvollen Törtchen beißen, stellen wir fest: Sie sind tiefgefroren! Und Theater hätte ich heute nur in der Arena von Verona ertragen. Okay, vielleicht war dieser Tag nicht durchweg unser Freund, aber das alles verblasst vor der atemberaubenden norditalienischen Kulisse. Hier kann man einfach nicht lange griesgrämig sein. Zurück am Womo beschließen wir trotzdem, unsere Reise am nächsten Tag fortzusetzen. Pisa ruft!

Beste Grüße Eure Nachbarin – heute nicht ganz so erfolgreich, aber glücklich!

 

Nachtleben in Sirmione

Nachtleben in Sirmione

Sirmione gilt als schönster Ort am Gardasee. Und in der Tat: Wären wir hier bei den Oscars, wäre das Städtchen sicherlich die Diva im aufsehenerregenden Abendkleid. Eine alte Diva, denn die ersten Siedler lebten hier schon in der Steinzeit. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Dafür erstreckt sich eine ernsthaft romantische Altstadt den Hügel hinauf und drumherum die fast unwirklich blauen Wellen des Gardasees.

Wer Sirmione besichtigen will, muss durch das große steinerne Stadtportal neben der prachtvollen Scaligerburg. Und wer zum steinernen Portal will, muss erstmal vier Kilometer über die Halbinsel laufen, fahren oder radeln. An diesem Abend tun viele Menschen alles drei. Eigentlich sollten wir nicht überrascht sein, es ist schließlich Samstag. Aber nachdem es mittags noch so beschaulich am Ufer des Gardasees zuging, haben wir mit weniger Volk gerechnet.

Die Strecke entlang der Via XXV. Aprile soll in Italien die einzige bleiben, auf der ich mich nicht wohlfühle. Denn hier gibt es keinen eigenen Fahrradweg. Wir schwanken von Kanaldeckel zu Schlagloch, immer am Straßenrand lang, und viel zu nah überholen uns die Autos. Zwar nicht schnell, aber ständig. Auf den Bürgersteig können wir hier auch nicht ausweichen, denn es sind ganz einfach zu viele Bürger auf diesem Steig.

Sehr froh bin ich, als wir schließlich nach 30 Minuten Fahrt die Scaligerburg vor uns aufragen sehen. Wir schließen die Räder an und lassen uns vom Strom mitziehen, der unaufhaltsam in die Stadt hineinfließt. Wir sind nicht zum ersten Mal hier. Selbst unsere Tochter erinnert sich noch. Denn es ist ein besonderer Ort für sie: Hier hat sie vor fünf Jahren nach dem herzhaften Biss in eine Kokosnussscheibe ihren ersten Milchzahn verloren.

Scaligerburg in Sirmione Mädchen mit Kappe und Zahnlücke Promenade Sirmione

Ein zweite Erinnerung ist die an riesige Eiskugeln, die hier in leckeren Waffeln verkauft werden. Damals lebte ich zuckerfrei und konnte mir keine gönnen. Heute habe ich einfach keine Lust drauf, aber der Rest der Familie Hose lässt es sich schmecken, während wir am kleinen Yachthafen sitzen. Ein Paar mittleren Alters steigt gerade in ein edles Boot. Die Dame mit extratiefem Dekolleté und Hochsteckfrisur, der Herr mit einer Flasche Champagner in der Hand. Die Nacht hat gerade erst begonnen und als der Bootsführer Gas gibt, sind sie bald nur noch ein Schatten auf dem See. Uns aber zieht es in die Altstadt. Wir schlendern durch die Gassen, bewundern die Auslagen der Geschäfte, hüpfen zur Seite, wenn sich ein Auto einen Weg durch die Menschen bahnt.

Laden in Sirmione Restaurant in Sirmione Beleuchtete Olivenbäume in Sirmione

Weiter oben wird es ruhiger und dunkler. Links und rechts erahnen wir Parkanlagen unterm Sternenhimmel. Hier müssen irgendwo die Grotten des Catull, Überreste einer römischen Villa, liegen, die wir heute aber nur mit Nachtsichtgeräten besichtigen könnten. Da wir gerade keine dabei haben, erfreuen wir uns stattdessen an den beleuchteten Olivenbäumen auf dem Plateau. Mit ihren knorrigen Verwachsungen sehen sie aus, als würden sie tanzen. „Wir romantisch kann ein Ort sein?“ Sirmione: „Ja!“

Gerne würden wir noch bleiben, aber es steht noch der Radelrückweg zum Wohnmobil an. Schön, aber eben ein bisschen ungemütlicher, als sich in ein nah geparktes Auto fallen zu lassen. Nachdem wir das Stadttor passiert haben, treffen wir einen Promi auf vier Rändern, den wir schon vor fünf Jahren sehr bewundert haben: einen goldenen Rolls Royce, der auch dieses Mal seine Streicheleinheiten bekommt. Mit diesem letzten Eindruck treten wir unsere Rückfahrt an und sind eine halbe Stunde später an unserem rollenden Zuhause angekommen. Mal ehrlich, wer braucht schon eine Protzkarre, wenn er ein Wohnmobil haben kann 😉

Goldenes Auto Goldenes Auto bei Nacht

Eure Nachbarin – romantisiert

 

 

 

 

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Mediterrane Begrüßung am Gardasee

Mediterrane Begrüßung am Gardasee

In der Morgensonne fahren wir aus Klausen hinaus und tanken zum ersten Mal in Italien. Ein erfreuliches Ereignis für sagenhafte 1,79 Euro pro Liter. Die Tanke und ihr Wärter sind eine Sache für sich. Der Metal-Fan lümmelt entspannt in einem Gartenstuhl in seiner Baracke und lässt sich bedröhnen. Was man halt so samstagmorgens um halb acht macht. Als wir an der Zapfsäule andocken wollen, schießt er erstaunlich behände aus seinem Kabäuschen heraus und ruft uns zu: „Obacht! Die Zapfsäule ist mit Service. Da kostet der Liter 2 Euro.“ Dankbar für die rettende Info ziehen wir uns den Zapfhahn von der gegenüberliegenden Seite heran. Und Iron Maiden schlurft wieder zurück in sein Häuschen. „Der hatte auch keinen Bock auf Service“, lacht mein Mann erleichtert und fühlt unseren Tank auf. Bald darauf sind wir wieder auf der Autobahn und genießen die Alpen, die nach und nach immer mehr zur Seite weichen, wie ein Sesam öffne dich.

Italienischer Kreisverkehr

Zweieinhalb Stunden später sind wir in einer völlig anderen Welt. Pinien und Zypressen säumen die Straße, blühender Oleander und Zitrushecken die Gärten. Ich schaue in meinen Handykalender: Ja, es ist definitiv der 8. Oktober und nicht der 1. September. Aber für die nächsten Tage tun wir mal so als ob. Ein letzter Kreisverkehr und schon biegen wir rechts in den Zuweg zu unserem nächsten Stellplatz in Desenzano ein. Garda Agricamper – der schönste Aufenthaltsort unserer Reise. Als erstes fällt mir der blütenweiße Kies auf, als zweites die gepflegten Beete, als drittes die vielen freien Stellplätze, die durch saftiggrüne Hecken und Bäumchen abgegrenzt sind. Ein freundlicher Rezeptionist begrüßt uns und wir dürfen uns einen Platz aussuchen. Es gibt Strom, Frischwasser, saubere Sanitäranlagen und einen Platz zur Entsorgung.

Hängematten

Es gibt Hängematten, einen Pool, eine Halle mit Kicker und ähnlichem, einen kleinen Spielplatz und einen Pfau, auf den sich unsere Tochter gleich stürzt, während wir uns auf Platz 7 anstöpseln. Wir sind im Paradies! Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie wir hier wieder weg, bzw. zum See kommen. Ein Versuch zu Fuß bringt uns zum verschlossenen Portal eines Fünf-Sterne-Campingplatzes. Dahinten glitzert der See – ganz nah und doch unerreichbar für uns Fußvolk, denn heimlich einschleichen wollen wir uns auch nicht. Also zurück zum Camper und nach dem nächsten öffentlichen Strand gesucht. Der ist zehn Fahrradminuten entfernt. Und wieder merken wir, wie wichtig unsere Drahtesel im Wohnmobilurlaub sind.

Wir packen Badesachen, Sonnenschirm und Wegzehrung in Körbe und Satteltaschen. Und dann erleben wir, wie es ist, in Italien mit dem Rad zu fahren, nämlich völlig anders als erwartet. Gut… dass es in Oberitalien anders zugeht als in Neapel, war mir von früheren Urlauben durchaus bekannt. Mein Vater, der sich in den Achtzigern noch mit großer Begeisterung in das hupenden und fluchende Chaos namens italienischer Verkehr stürzte, nennt es „geradezu langweilig“. Also genau das, was wir brauchen! Die breiten, gut zu fahrenden Radwege führen uns an der Straße entlang, sind aber mit niedrigen Hecken von der Fahrbahn abgegrenzt. Das ist sehr angenehm. Wir teilen uns den Weg mit Fußgängern, aber so wirklich viel ist nicht los.

Mann und Kind im Gardasee

Als wir Richtung See abbiegen, wird es noch ruhiger. Es ist Mittagszeit – Siesta – und hier verirrt sich gerade niemand hin. Schon gar nicht ins Wasser, aber das kennen wir schon. Meine beiden Wasserratten sind selten davon abzuhalten ins kühle oder auch echt kalte Nass zu springen. Ich schaffe es bis zur Hüfte rein und wate nach ein paar Anstandsminuten wieder dankbar nach draußen. Eine entspannte Ruhe überkommt mich, während ich Vater, Kind und unseren aufblasbaren rosa Doughnut im Wasser beobachte. Wir sind in Italien, die Sonne scheint, was braucht man mehr zum Glücklichsein. Also ich gerade nichts!! Nach einer Weile fahren wir weiter am See entlang, auf dem breiten Holzsteg, Richtung Dezensano.

Boote am Gardasee

Eigentlich darf man hier nicht radeln – auch wenn es keinen interessiert. Trotzdem steigen wir hin und wieder ab und schieben. Bis zu einem schönen Strandcafé am Porto di Rivoltella, wo wir uns die erste (und noch lange nicht die letzte) Pizza des Urlaubs schmecken lassen. Leute gucken, Spatzen füttern, die Seele baumelt irgendwo rum. Das nennt man Dolce Vita, erkläre ich dem Nachwuchs. Bald danach zieht es uns zum Camper zurück. Noch ein bisschen chillen, denn abends wollen wir nach Sirmione.

Eure Nachbarin – sehr gechillt