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Wo ist Nemo… wenn man ihn braucht?

Wo ist Nemo… wenn man ihn braucht?

Ist unsere schnuckelige Einzelkindtochter verwöhnt? Hm, mal überlegen… Okay, ich habe überlegt und will es mal so sagen: Vielleicht. Ein wenig. Und heute bekam ich dafür mal wieder die Quittung, die ich nur unter
Einsatz von zwei Fünferrippchen dieser endleckeren weißen Kokosschokolade und einem schnellen Post verarbeiten kann. In dieser Woche ist meine Patentochter – fast 16 – zu Besuch und das nutzen wir, um ein paar Ausflüge zu machen. Töchterchen nutzt das auch, nämlich, um mal so richtig ihr Potential auszuschöpfen und alle Register zu ziehen. Also im Meckern, Mäkeln, Fordern und Krakelen.

Eine bleibende Erinnerung
Heute ging es ins Sealife. Eine bleibende Erinnerung, die ich dann allerdings doch nicht mit einem dieser professionellen Fotos an unserer Wohnzimmerwand verewigen wollte, die dort am Eingang mit Piratenmütze geschossen werden. Unser Sealife ist überschaubar, aber hübsch gemacht. Okay, vielleicht könnten sie ein paar mehr bunte Quallen und schillernde Fische haben und eigentlich wird es auch erst für lesende Kinder so richtig interessant, die die vielen Spiele, Quizze und Beschreibungen am Wegesrand verstehen. Aber trotzdem….
….
kann man sich doch mal zusammenreißen, wenn man sogar selbst dieses Ziel („Willst du Bilderbuchmuseum oder Fische?“ „Fischeeeeee!!!“) ausgewählt hat. Ich habe nicht gesagt: „Willst du Bilderbuchmuseum oder
101 Clownfische?“ Ich sage „Fische!“ Und Fische sind nun mal oft grau und braun. Wie das Wasser, in dem sie schwimmen. Und Muttern versuchte das Ganze ja auch noch interessant zu gestalten. „Guck mal, das ist eine Muräne, die hat mal meinen Cousin fast beim Tauchen erlegt.“ – „Die Muräne?“ – „Nein, den Cousin.“ Oder: „Wusstest du, dass bei Seepferdchen der Papa die Babys kriegt?“ Oder: „Hier ein Seestern. Willst du den Mal streicheln?“
Ist das langweilig
Kein Grund also sich nach der halben Tour mitten im Gang aufzustellen und laut und sehr deutlich „MAMAAAA! IST DAS LANGWEILIG HIER! WANN KOMMT DENN ENDLICH MAL WAS SPANNENDES!“ zu rufen. Kein Grund auch, den gleichen Satz fünf bis zwanzig Mal auf den nächsten Metern zu wiederholen. Und erst Recht kein Grund, sich bei der Süßwasserfisch-Fütterung mit dem gleichen Wortlaut so in einen
Tobsuchtsanfall hineinzusteigern, dass es auch der Letzte mitbekommt. Müßig zu sagen, dass alle anderen Kinder staunend, fröhlich oder zumindest mal still waren.
Jetzthat man mehrere Möglichkeiten. Man besticht das Kind mit einem gezischelten: „Wenn du jetzt lieb bist, darfst  du heute Abend so oft „Findet Nemo“ gucken, wie du willst.“ Oder: Man schaut sich entrüstet nach den imaginären Eltern um und ruft „Die kleine Tabea-Chantalle möchte bei der Süßwasserfisch-Fütterung abgeholt werden“. Oder: Man entfernt sich vorsichtig und vertieft sich zwei Bänke weiter in einen Whatsapp-Chat (mein Patenkind). Oder: Man pflichtet seinem eigenen Kind lautstark bei: „Ja, voll öde hier und das für den Eintritt.“
Eine Aufgabe
Ich sparte mir die Luft und nahm meine Tochter forsch am Arm, um sie in einen menschenleeren dunklen Gang hineinzubugsieren. Dort ließ ich sie auf den Boden setzen und füllte sie mit einem Päckchen Orangensaft ab. Dann nannte ich ihr mit fester Stimme ihre einzige Aufgabe: Den selbst ausgewählten 41 Euro-Sealife-Rundgang zu Ende zu bringen und zwar ohne einen einzigen Mucks!
Wahrscheinlich was es der O-Saft. Eine winzig kleine Chance besteht aber auch, dass es meine vor erzieherischem Selbstbewusstsein nur so strotzende Forderung war: Meine Tochter sprang auf, tänzelte begeistert den Gang entlang, zeigte entzückt auf diesen oder jenen Fisch, drückte sich die Nase an den Scheiben platt und sagte am Ende doch tatsächlich: „Ich will aber noch nicht nach Hause!“ Das haben wir dann auch nicht gemacht, sondern waren erst Mal Eisessen.
Es grüßt euch immer noch erschöpft
Eure NachbarinPS: Natürlich gibt es Clownfische im Sealife. Drei. Aber erst ziemlich am Ende (also an meinem).
Die Wander-Metamorphose

Die Wander-Metamorphose

Gestern waren wir auf dem Petersberg und alles hat geglitzert. Da ich ja keine Nachrichten verfolge und mein Mann auf RTL 2 ausschließlich Frauentausch guckt (das übrigens mit Begeisterung, vielleicht sollte ich ihn mal anmelden…), war uns Ignoranten gar nicht klar, warum. Später haben wir erfahren, dass tags zuvor offensichtlich eine Katzenhochzeit dort stattgefunden hat. Ich bin ja eher der Hundetyp, aber der noch vorhandene Rosenbogen an der Kapelle war durchaus sehenswert.

Die Wandlung
Aber davon nur am Rande. Eigentlich wollte ich von der wundersamen Metamorphose berichten, die unsere Tochter durchgemacht hat. Bis vor Kurzem, also genau genommen bis gestern, war es ihr nämlich kaum möglich, ohne Lautäußerung einen Schritt vor den anderen zu setzen, wenn ein Spaziergang sich anschickte, länger als zehn Minuten zu dauern. Also, im Prinzip, wie ich beim Joggen – inklusive asthmatischem Keuchen (bei mir echt, bei ihr gestellt).

„Mir tun die Beine, Füße, Rücken, Arme, Leber, Nieren, Ohrläppchen weh“, geht nach hundert Metern zuverlässig das Gejammer los. „Mir ist heiß, ich hab Hunger, ich hab Durst…“ bis hin zu: „Ich kann nicht mehr!!“ „Ich kann GAR NICHT mehr!!!“ „Mama, Papa, hört mir doch mal zu!!!!“ „Lasst mich einfach hier liegen!“ (ach ne, das bin ich beim Joggen). „Traaaaaagggg mich!!!“ (auch ich beim Joggen). „Papa, trag mich! Auf die Schulter!!!“ (unsere Tochter). Er abwehrend: „Kind du hast drei Kubikmeter Mutterboden an den Schuhen, wie hast du das auf hundert Metern laubbedecktem Waldboden geschafft???“

Kloreiche Idee

Kürzlich waren wir bei meinen Eltern und ich hatte die glorreiche Idee ihr Laufrad mitzunehmen. Damit fährt sie locker zwei Kilometer, wusste ich. Allein, das Kind wollte nicht aufs Laufrad. Also trug der Vater das Laufrad, die Mutter den Helm, der Opa das Kind und die Oma eine Miene zur Schau, die besagte: Dir liebe Tochter hätte ich sowas nicht durchgehen lassen. Das stimmt. Wir mussten immer Spazieren gehen. Jedes Wochenende. Ich habe es gehasst. Heute wäre ich froh, wenn ich meinen Mann besser von der Couch hochbekommen könnte.
Denn: Beim Wandern oder auch nur beim Spazierengehen – hier zu Hause gibt es größere Differenzen bezüglich der Definition – habe ich nicht nur ein zeterndes Kind an den Hacken, das ich mit Schatzsuchen, Fantasiespielen, Essen, Getränken, Spielplätzen, Dammwild und die Aussicht auf ein Eis bei Ankunft bei Laune halten muss. Nein, da ist auch noch der Mann: „Du hast nicht gesagt, dass wir so weit gehen. Dann hätte ich andere Schuhe, eine andere Jacke, eine andere Hose, eine andere Tasche genommen oder gleich jemand anderen mitgeschickt.“

Oder: „Es ist ja kein Wunder, dass das Kind jammert. Wenn du wandern gehen willst, bringen wir sie lieber zur Oma.“ Ich: „Das ist keine Wanderung, das ist ein Waldspaziergang.“ Er: „Ein Spaziergang darf mit An- und Abfahrt maximal eine Stunde dauern.“ Ich: „Ja, dann hätten wir eben auf das Picknick verzichten müssen.“ Er (jammernd): „Du weißt, dass ich vom Spazierengehen Nackenschmerzen kriege.“ Ich: „Okay, es ist doch eine Wanderung.“ Er: „Eine Wanderung muss zwei Wochen im Voraus angekündigt werden…“ Und so weiter und so fort.

Alles anders

Aber gestern, ja gestern war alles anders. ICH hatte bei 25 Grad und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit keine Lust, mich mehr als nötig zu bewegen. Und plötzlich wollte mein Mann den Petersberger Wald erkunden. Hier noch lang und da noch lang. Die Tochter kriegte nach 200 Metern ihren obligatorischen Krampf und er zauberte ein Brötchen aus dem Rucksack. Also ein Zauberbrötchen. Denn mit einem Mal wurde aus unserer Tochter ein Duracell-Einhorn, das in wilden Sprüngen den Petersberg hinunter hüpfte. Dummerweise hatten wir ja oben geparkt.
Als wir daran dachten, waren wir aber schon halbe Strecke Tal, denn Töchterlein legte ein unglaubliches Tempo vor. „Okay, ich laufe wieder hoch, hole das Auto und wir treffen uns dann unten“, rief mein Mann, ob der sich abzeichnenden sportlichen Herausforderung plötzlich Feuer und Flamme. Und während ich – als einzige mit Wanderschuhen ausgestattet – vorsichtig nach Halt suchend den Berg heruntereierte, tanzte meine Tochter in zu großen Gummistiefeln leichtfüßig durch steile verschlammte Bachbetten, dschungelartig überwucherte Hohlpfade und klammgleiche Schluchten. Immer dreißig Meter voraus.
Gerade noch rechtzeitig
Dabei sang sie so laut „Hopp hopp hopp, Einhorn lauf Galopp“, dass sich sogar entgegenkommende Wanderer motiviert fühlten und einen Zahn zulegten. Was soll ich sagen, wir kamen genau in dem Moment im schönen Kloster Heisterbach an – unsere Talstation – in dem mein Mann dort auf dem Parkplatz fuhr. Es war genau der richtige Zeitpunkt, denn gerade hatte Töchterchen ihren Gesang eingestellt und ein ungewöhnlich dezentes: „Ich kann nicht mehr“, hören lassen. Ich hoffe, das war der Beginn einer wunderbaren familiären Wanderepoche, denn bald kommt Ben zu uns und ich habe keine Lust als einzige mit ihm Gassi zu gehen.
Auf die Hufe!
Eure Nachbarin
Unser Einzelkind

Unser Einzelkind

… ach, was gibt es so viele Vorurteile über Einzelkinder. Da muss ich gar nicht recherchieren. Ich habe sie selbst. Und – ich habe ein Einzelkind. Nicht ganz freiwillig, aber doch. Ich liebe meine Prinzessin heiß und innig. Und der Papa auch und die Großeltern, Tanten und Onkel… Unsere Maus ist nämlich wirklich ein Einzelkind. Das einzige Kind der gesamten Familie!
Das bedeutet viel Aufmerksamkeit – in Form von Zuhören, in Form von Geduld, in Form von Streicheleinheiten, in Form von Spielestunden. Ein Kind kann gar nicht genug Liebe und Förderung bekommen. Von daher alles bestens…
Sie hat viel Kontakt zu Gleichaltrigen. Der Freundeskreis ist groß, der Bezug zu anderen Familien gut. Unser Einzelkind ist kein einsames Kind. Sie ist sozial, hängt sehr an ihren Freunden, verleiht ihre Spielsachen ohne zu zögern, kann teilen… (Blöd, dass ich das überhaupt betone. Da schwingen sie wieder mit, die Vorurteile.)
Auch Einzelkinder müssen abgeben
Und trotzdem fehlen natürlich die Geschwister. Zum Spielen, aber auch zum Abhärten, zum Wartenlernen, zum Durchhalten, zum Selbständigwerden und als hilfreiche Koalition gegen uns Eltern. Da wir Eltern uns meist enervierend einig sind, heißt es oft zwei gegen einen. Meine Erfahrung ist: Auch ein Einzelkind muss abgeben können Nicht unbedingt das Spielzeug oder das letzte Kuchenstück, aber Zeit.  Und die kann ganz schön lang werden.
Denn wenn wir Eltern so langweilige Dinge tun, wie aufräumen, arbeiten, ein Haus sanieren… und sie nicht gerade bei einer Freundin ist, ist da eben kein anderes Kind zum Spielen oder Zanken oder zumindest Ablenken. Dann ist sie allein. Manchmal spielt sie dabei herrlich für sich. Meistens aber, fehlt ihr der Spielpartner. Anstrengend für sie und anstrengend für uns, die wir dann ständig gefragt sind und irgendwann auch gereizt reagieren.
Extraportionen
Vor allem bei mir ist da immer das schlechte Gewissen, ihr etwas vorzuenthalten. Auch wenn ich an der Situation nichts ändern kann. Dann bekommt sie eine Extraportion Zeit und noch eine und noch eine. Bis meine Alltagspflichten sich häufen. Natürlich bekommt sie auch eine Extraportion Helikoptertum. Ich weiß, dass das die Selbständigkeit nicht gerade fördert. Deshalb verstecke ich meine Argusaugen so gut es geht hinter meiner Brille und freue mich für sie über (mama)befreite Kitazeiten.
Die Vorteile
Das klingt jetzt alles so negativ. Ist es gar nicht. Zu Dritt zu sein hat auch große Vorteile. Viel Nähe, Zeiten der Ruhe und Entspannung, genug Platz im Familienbett, ein Freizeitprogramm, dass sich ganz auf die Bedürfnisse einer Vierjährigen ausrichtet und nicht auch noch zu einem Einjährigen oder einer Achtjährigen passen muss. Und natürlich Großeltern, die ihre Enkelin problemlos für ein paar Tage zu sich nehmen können und uns Eltern damit echte Zweisamkeit schenken…
Nicht jeden Tag wünsche ich mir deshalb ein zweites Kind. Oft bin ich glücklich und zufrieden mit der Situation, die wir so nicht geplant hatten. Und wenn es dann mal wieder zwickt, dann blogge ich halt darüber, obwohl ich eigentlich über etwas anderes schreiben wollte: Den Familienspaziergang mit vier Erwachsenen und EINEM Kind. Der kommt dann beim nächsten Mal.
Es grüßt euch ganz lieb!
Eure Nachbarin
Der verhinderte Countdown

Der verhinderte Countdown

Wie immer nach einer späten Nacht und einem viel zu frühen Morgen hat man ja nur ein Bedürfnis: bloggen. Also zumindest nachdem man den frühaufstehenden Familienteil verwünscht und sich einen Dominostein als Kaffeeersatz reingezogen hat. Dann fällt einem plötzlich auf, dass man unverzeihlicherweise an dieser Stelle weder Weihnachts-, noch Silvesterwünsche losgeworden ist. Das möchte ich hiermit nachholen: Frohe Weihnachten, einen guten Rutsch und natürlich für  2016 Euch allen nur das Beste. Und regt Euch nicht auf! So wie ich. An Silvester…

Ich erinnere mich ja nicht an viel, aber das Gefühl, dass ich an den Silvestern der vergangenen Jahre zur Stunde Null hatte, ist mir immer noch sehr präsent. Zum Beispiel der Jahreswechsel 2010/11, als ich – noch ganz unbewusst mit Töchterlein schwanger war. Damals schaute ich mit einem warmen, optimistischen Gefühl in den explodierenden Nachthimmel. Danach folgten Silvesternächte der bleiernen Müdigkeit junger Eltern schlecht schlafender Kinder. Und dieses Jahr?! War ich einfach nur stinksauer!

Ja, auch weil ich mir vielleicht den ein oder anderen Jahresrückblick zu viel gegeben hatte. Ich bin ja bekennender Nachrichtenvermeider. Da helfen alle guten Vorsätze nichts. Ich schaue sie nicht, ich höre sie nicht und ich lese sie nicht. Beim Jahresrückblick stelle ich dann immer wieder fest: Was wichtig war, habe ich mitbekommen und muss mich zum wiederholten Male fragen,  in was für einem Land/einer Welt wir eigentlich leben. Um den Rest war es definitiv (auch) nicht schade.

10, 9, 8…

Konkret stinkwütend war ich aber eigentlich auf Töchterlein. Seit Weihnachten schlage ich mir Nacht für Nacht um die Ohren, weil sie einen echt fiesen Infekt hat und dann gönnt sie mir nicht MEINEN COUNTDOWN! Ohne Countdown und anschließendes „Prost Neujahr“ ist es aber kein Silvester. Finde ich. Ich schaltete also um kurz vor zwölf den Fernseher an. Da war draußen das Feuerwerk schon in vollem Gange – aber wenn ich schon zähle, dann die wirklich letzten zehn Sekunden.

Ich mach also den Fernseher an, Tochter macht den Fernseher aus: „Das ist zu laut und stört mich…“ (…beim Erlauschen des infernalischen Infernos vor der Haustür, das übrigens jegliche TV-Dezibel problemlos übertönte). Aber ich wollte ja auch nur die Fernseher-Uhr. Also ich wieder den Kasten an, sie wieder aus. Entnervt ging ich in die Küche und holte unsere drei Gläser vom Abendessen, damit wir wenigstens anstoßen und uns zu Dritt in den Armen liegen konnten. Mehr als unklug, hatte in meinem Glas Saft, in den anderen aber nur Wasser. Und es war keine Zeit mehr, diesen unfassbar ungerechten Zustand zu ändern.

Während ich also den Fernseher wieder anstellte und tapfer rückwärts zählte, zeterte Töchterlein „Ich will auch Saft“, fiel dann kurz resigniert in sich zusammen „Ich feier nie wieder mit euch irgendwas“, bevor sie mir schließlich um zwei vor Zwölf in einem letzten Kraftakt des Jahres 2015 mein Glas entriss und mir ihres (klebrig, unansehnlich, bazillär verseucht) in die Hand drückte. Damit war nicht nur der Countdown gelaufen, sondern auch das fröhlich liebevolle Anstoßen unserer glücklichen Kleinfamilie.

GRRRRRRR!

Ich kochte, ich brodelte, ich war kurz davor gleich einer Batterie billigster Chinaraketen in der Nachthimmel zu steigen. Nach so einem Jahr… ohne auch nur eine Minute für mich… Undankbarkeit sondergleichen… nicht mal den kleinsten Wunsch… und dann noch die schlaflosen Nächte… dampfte ich vor mich hin, während ich mit Familie und steinernem Gesicht auf das grellbunte Gezische draußen vor der Balkontür schaute. Mein Mann legte beruhigend den Arm um mich, meine Tochter bedeckte mein Gesicht mit Küssen. Nichts half! Mein Jahreswechsel war versaut. Bis 12 Uhr 12. Da hatte ich mich beruhigt. Einfach so.

Nicht nachtragend zu sein hat gewisse Vorteile, denn so konnten wir noch mit den Großeltern und dem Bruder in Amerika telefonieren. Ich weiß nicht, wie es Euch so geht, aber mit einer Stinkwut bin ich noch nie ins neue Jahr gestartet. Das kann ja heiter werden…

In diesem Sinne Euch allen viele sonnige Tage und wenig Grund zum Wüten im neuen Jahr.

Wir schaffen das… (auch irgendwie noch). Es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig!

Prosit Neujahr!

Eure Nachbarin

Das Nikolaustrauma

Das Nikolaustrauma

Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, dabei ist es schon über 15 Jahre her! Alles ist in letzter Zeit schon über 15 Jahre her… Egal. Jedenfalls hatte ich die Ehre, als Nikolaus in einem Montessori-Kindergarten aufzutreten (ja, als Nikolaus, warum auch nicht). In liebevoller Bastelarbeit beklebte ich ein dickes Buch mit Goldfolie und begab mich in die Kita. Dort sollten Erzieherinnen und Kinder in der Turnhalle auf
mich warten. Ein rotweißer Mantel mit Kapuze hing bereit, dazu eine weiße Perücke, ein Bart und ein Sack mit Geschenken.
Als ich mich in der „Umkleide“ (das Ein-Quadratmeter-Erzieherinnen-Klo) umzog, geriet ich jedoch wegen des Schildes ‚Achtung Salmonellen! Bitte auf die Handhygiene achten!‘ so aus der Fassung,
dass ich überstürzt in Richtung Turnhalle flüchtete. Das Buch hielt ich fest umklammert, der Sack schleppte und polterte hinter mir her. Der Bart hielt, die Perücke auch! Und das war ein Segen, denn ich hatte in der Eile vergessen, mir die rote Kapuze überzuziehen.
Mein Auftritt war trotz dieser Widrigkeiten ein Erfolg. Und so kann ich heute mit professioneller Vorerfahrung dem Nikolaus auf Augenhöhe begegnen. Also zumindest dem bestellten… Mit so einem hatte es
Töchterlein am Nikolausabend zum ersten Mal zu tun und ich muss sagen, es war ein Abenteuer.
Niko-Graus

So einen Nikolausabend zu planen ist ganz einfach:

– Nikolaus organisieren (Studentenwerk, Arbeitsamt oder wie bei uns ein ehrenamtlicher Dorfnikolaus auf Spendenbasis)
– Ein paar Zeilen über das Kind verfassen
– Kleinigkeiten in hübsches Papier eingeschlagen
– Kind ins Verderben rennen lassen. Letzteres eher ungeplant.

Als Nikolaus am Abend des 5. Dezembers mit einem herrischen „Bum, bum, bum!“ Einlass verlangte, verwandelten sich drinnen zwei kleine wilde Mädels in zitterndes Espenlaub. Während die Väter der
Runde ihre Kameras zückten, stellte Herr Nikolaus seinen Sack ab und zog seine Lesebrille hervor, um aus seinem goldenen Buch zu zitieren. Ich weiß auch nicht, was ich erwartet hatte. Irgendeine gütig-großväterliche Rede vielleicht, mit kleinen humorvollen Anspielungen auf die eine oder andere Missetat.
Stattdessen schwang sich unser Gast zu einem Nikolaus-Knecht-Ruprecht-Imitat im 50er-Jahre-Oberlehrer-Stil auf und listete mit donnernder Stimme eine Verfehlung nach der anderen auf. Während ihre Freundin strammstand und jede Anschuldigung empört von sich wies, ließ mein Töchterlein den Kopf hängen und wurde immer zittriger.
Ich befürchtete ein nachhaltiges Nikolaustrauma, startete meinen Helikopter, landete neben ihr auf der Couch und zog sie schützend auf meinen Schoß.
Erziehung auf Augenhöhe
Ich war kurz davor, ihm was von Jesper Juul und Erziehung auf Augenhöhe zu erzählen, als er endlich zum Ende kam und sich ein Lied wünschte. Bei beiden Mädchen herrschte nach der Gardinenpredigt gähnende Leere im Köpfchen und sie starrten ihn nur mit blanken Augen an. Sie kamen erst wieder in Bewegung,
als der Gabenbringer schließlich seines Amtes waltete und zur allseitigen Erleichterung Päckchen und Süßigkeiten verteilte.
Beim Abendessen fragten wir die Kinder vorsichtig. „Und, wie fandet ihr den Nikolaus?“ „Supernett!“, schwärmten beide. Und während wir Eltern unauffällig verständnislose Blicke wechselten, rief die Freundin meiner Tochter. „Mir ist jetzt auch ein Lied für den Nikolaus eingefallen: ‚Stups, der kleine Osterhase…‘“.
Kinder sind ja hart im Nehmen. Das Trauma habe jetzt wohl ich. Im nächsten Jahr engagieren wir den Opa!
Eure Nachbarin