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Ein echtes Mädchen

Ein echtes Mädchen

„Deine Tochter ist ein echtes Mädchen“, spricht der Gatte und es klingt ein bisschen verzweifelt ob der schieren Klamottenflut, die ihn gerade mal wieder zu überwältigen droht. Eine befreundete Erzieherin sagte mal zu uns: „Man kann morgens erkennen, wer das Kind angezogen hat.“ In der Tat hätte unsere Tochter ihren Weg in die Kita sicher auch schon mal im Schlafanzug zurückgelegt, hätte sie nicht ganz genaue Vorstellungen davon, was man anziehen kann oder nicht.

Die Inventur ihres Kleiderschranks ergibt das Folgende: 15 Oberteile langarm, 9 T-Shirts, 12 Hosen (davon zieht sie drei an und zwar nur unter tränenreichem Protest) und 12 Kleider. Die zieht sie alle an. Manchmal auch zwei übereinander. Während andere Kinder ihren Schnuffelhasen vermissen, der auch mal in die Wäsche muss, will sie genau DAS Kleid. Das Rosane! NICHT das mit den kleinen Punkten!!! Das mit den GROSSEN Punkten!!! Dabei ist es egal, dass man an der Vorderseite den Kitaspeiseplan der letzten Woche ablesen kann. Ohne dieses Kleid geht sie nicht aus dem Haus.

Jetzt könnte man denken, hier lebt eine Mittdreißigerin ihren nostalgischen Barbie-Spieltrieb an ihrem Kind aus. Ganz falsch! Ich konnte mit Barbies noch nie was anfangen. Die zwei oder drei, die ich in meinem Kleinmädchenleben geschenkt bekam, lagen irgendwo ohne Kopf in der Ecke, während ich knetete, mit dem Kaufladen spielte, Schnecken mit Salat fütterte oder irgendwo in der Nachbarschaft von einem Baum fiel. Auf rosarote Plastik-Wohnmobile/-Schlösser/-Kutschen reagierte ich legasthenisch. Mir wollte einfach nicht einfallen, wie man richtig damit spielt.

Auf Röcke und Kleidchen habe ich als Kind wohl auch nicht wirklich gestanden. Sie hätten beim munteren Rohbau-Erkunden in unserem Neubaugebiet gestört. Bis heute ist mein Klamottengeschmack wesentlich unausgereifter, als der meiner Tochter im Alter von 15 Monaten. Schon damals wusste sie genau, was geht. Am Überfluss ihrer Klamotten habe ich allerdings neben diversen Omas und anderen Anverwandten einen deutlichen Anteil. Ich liebe Kinderflomärkte und wühle mich bodycheckend durch Kleiderhaufen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Hallo? Ich meine, wo gibt es denn sonst kaum getragene Teile für zwei Euro? Das kann man doch nicht liegen-, beziehungsweise anderen überlassen. So sehen das übrigens alle Mütter (Väter findet man auf solchen Veranstaltungen so gut wie gar nicht). Mit Tüten und Taschen bewaffnet stehen die Frauen schon eine halbe Stunde vor der Öffnung bereit, scharren mit den Sneakers und kratzen an der Tür. Wenn es dann endlich losgeht, erinnert das Ganze ein bisschen an den Sturm auf die Bastille, mit fast ebenso vielen Opfern. Wer Pech hat, wird in Richtung Spielzeugecke oder Kuchenbuffet abgedrängt und dann hat man schon verloren. Die ersten fünf Minuten sind schließlich entscheidend.

Und so kommt es, dass ich nach diesen Flohmarktbesuchen derangiert, aber glücklich mit locker 20 neuen Teilen nach Hause komme. Was davon in den Augen meiner Tochter Gnade findet, zeigt sich dann über die nächsten Wochen hinweg. Der Rest wird sorgfältig gebündelt in den Keller verfrachtet und wartet seinerseits auf den nächsten Flohmarkt. So langsam wird es da unten allerdings eng, was mich gerade an eine prägende Erfahrung vor eineinhalb Jahren erinnert:

Als ich damals noch relativ unerfahren über den großen Bonner Rheinauenmarkt schlenderte, kam ich an einem riesigen Stand vorbei. Acht Tapeziertische standen im Carré, darüber war eine Dachkonstruktion gleichen Ausmaßes errichtet, an denen Kleidchen, Jacken und andere ‚Bügelwäsche‘ hing. Unbedarft, wie ich war, fragte ich die Standbetreiber. „Kommen Sie von einem Kinderheim?“ Die sahen mich mit einem wissenden Seitenblick auf unseren Kinderwagen nur milde lächelnd an. „Nein! Das ist alles von unserer Tochter. Wieso?“ Ja, wieso eigentlich… Ich war einfach noch ein richtiges Greenhorn in Sachen Kinderbekleidung. Heute weiß ich es natürlich besser. Und mein armer Mann leider auch.

Der entschleunigte Familiensonntag

Der entschleunigte Familiensonntag

Die Nacht endete an diesem Sonntag etwas abrupt um sieben Uhr mit dem beunruhigenden Geständnis meiner Tochter: „Ich habe ein Baby in meinem Bauch.“ Ich war wohl noch im Halbschlaf. Anders ist nicht zu erklären, dass ich plötzlich senkrecht im Bett saß: „Wie schwanger? Vom wem? Kind, du verbaust dir dein Leben!“ Als endlich auch mein Geist erwachte, schaute ich in die besorgten Kulleraugen meiner 2-Jährigen und atmete langsam aus. Ich hatte wohl etwas überreagiert.

Freundlich interessiert fragte ich sie: „Wie heißt denn das Baby!“ – „Matschehose!“, kam es ernsthaft und wie aus der Pistole geschossen zurück. „Ähhhh? Aaahh!!“, machte ich. „Das ist nämlich gar kein Baby, das ist ein Monsterbaby!“ Ach so, das erklärt natürlich einiges… ‚Manchmal haben Late-Talker ja schon was für sich‘, dachte ich, bevor ich etwas ermattet zurück in die Kissen sank. Mein entschleunigter Familiensonntag hatte begonnen.

Ja, Entschleunigung ist immer noch ein Thema. Ich hatte es nur in den letzten Wochen vor lauter Stress vergessen… Aber wer sagt, dass man alle Vorsätze gleich im ersten Monat umsetzen muss. Die Bilanz für Januar lautet: Ich habe einen Tag lang immer alles gleich erledigt. Ich habe immer brav Mittagspause gemacht und hin und wieder auch was gegessen. Ich war einmal im Fitnessstudio. Ich hatte einen tollen Wellnesstag mit meinem Mann. UND:

Ich habe es sogar einmal für fünf Minuten geschafft, ganz im Moment zu sein. Das war als meine Tochter übers Bett gekotzt hat… Alle weiteren Termine hatten sich danach für den Januar erledigt, so dass dieses Event wirklich am nachhaltigsten zur Entschleunigung am Jahresbeginn beigetragen hat. Wie das allerdings so ist mit Terminen: Aufgeschoben ist eben nicht aufgehoben. Und deswegen könnte es in den nächsten Monaten etwas eng werden.

Bin ich das?

Bin ich das?

Als ich gestern beim Duschen mal genauer aufs Duschgel geguckt habe, wurde mir zwar irgendwie anders, aber das habe ich auf die Magenverstimmung geschoben, die ich vor Kurzem hatte. Aber so langsam mache ich mir Sorgen: Heute habe ich mir Anti-Verfärbetücher für die Waschmaschine gekauft und dann das!! Hab ich was verpasst???

Stärken und Schwächen

Stärken und Schwächen

Um nochmal auf das Thema Gesichtererkennung zurückzukommen. Eigentlich ist mir mein Handicap erst so richtig bewusst, seit ich mit meinen Mann zusammen bin. Sein Gesichtergedächtnis fotografisch zu nennen, wäre glatte Untertreibung. Er erinnert sich an das Gesicht des Kellners, der uns vor vier Jahren im Griechenlandurlaub aushilfsweise einen Abend im Hotelrestaurant bedient hat. „Hä, Kellner, da war doch Buffet?!“ „Ja, aber der hat Wasser nachgeschenkt, das musst du doch noch wissen.“ „Ach so ja…“.

Mein Mann erkennt jeden Menschen wieder, mit dem er jemals ein Bitte – Danke gewechselt hat. Egal, ob sie dreißig Kilo zugelegt, 80 Prozent des Haupthaares verloren oder sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen haben. Und – für mich am  Bewundernswertesten: Er hat mich am Morgen nach der Entbindung unserer Tochter wiedererkannt. Damit hat er mir etwas voraus. Ich habe diese zerrupfte Frau, die da durch den Krankenhausflur schlurfte erst mitleidig gegrüßt, bevor ich gemerkt habe, dass ich mit einem Spiegel spreche.

Nachdem mir bewusst geworden ist, dass ich mein Gesichtergedächtnis umso schlechter wahrnehme, seit ich meinen Mann kenne, bin ich der Sache mal auf den Grund gegangen. Und siehe da, meine Selbstwahrnehmung steht in kausalem Zusammenhang  zu seinen Fähigkeiten und Gewohnheiten. Seit wir zusammen sind, halte ich mich für schokoladensüchtig, für eine miserable Köchin, für unsportlich (ok, ich BIN unsportlich) vor allem aber halte ich mich für ein Orientierungsgenie:

Mein Mann hat Probleme, den Weg aus einer Umkleidekabine zu finden. Und wenn er es geschafft hat, findet er die Kasse nicht. Und wenn er es doch geschafft hat zu bezahlen, biegt er am Ausgang garantiert in die Richtung ab, aus der er gekommen ist. Würde mein Mann auf dem Jakobsweg pilgern, käme er wahrscheinlich in Santiago de Chile an und selbst auf dem Nürburgring käme er wohl nie ins Ziel. Aber das macht alles gar nichts. Dafür hat er ja mich, das ORIENTIERUNGSGENIE (und unser Navi natürlich).

Wer bist Du denn?

Wer bist Du denn?

Ich bin keine Bilderbuchnachbarin! So, jetzt ist es raus. Ich hab schon mal vergessen, die Mülltonne vors Tor zu stellen, die Treppe könnte auch mal wieder geputzt werden und als kürzlich die Vermieterin mit Kind und Magen-Darm-Grippe im Flur stand, habe ich schnell die Tür zu gemacht und nur noch per Whatsapp mit ihr kommuniziert… (Hat uns übrigens nichts genützt.)

Viel schlimmer aber ist: Ich grüße nicht! Jedenfalls nicht jeden. Arroganz? Sagt man mir hoffentlich nicht nach. Oberflächlichkeit? Dann würde ich mich hier nicht outen. Nein, tatsächlich ist es mein sagenhaft schlechtes Gesichtergedächtnis. Wirklich wahr, ich kann mich heute sehr nett mit Leuten unterhalten und morgen an ihnen vorbeilaufen, wenn ich sie nicht näher kenne. Werde ich dann gegrüßt, bin ich oft so verwirrt, dass ich gar nicht dazukomme, zurück zu grüßen und mein beschämter Blick nur noch einen Rücken trifft.

Tatsächlich bin ich beim Wiedererkennen auf Dinge angewiesen, die das Gesicht ergänzen. Der Gang, der Haarschnitt – oder der Hund! Hunde kann ich mir super merken, die haben ja viele Haare. Gut ist auch Berufsbekleidung: Die Bäckereifachverkäuferin erkenne ich immer und auch die Kassiererin beim dm. Aber wehe ich treffe die eine in Zivil beim Brötchenholen oder die andere am Duschgel-Regal…

Mein Mann bringt in geselliger Runde gerne die folgende Geschichte, die Gott sei Dank schon ein paar Jahre her ist.Wir waren auf Reportagetour in einem Ökokloster. Morgens trafen wir auf den Biobäcker, der gerade von der Frühschicht kam und auch so aussah. Wir machten einen Termin für den Nachmittag aus. Er wollte uns die Backstube zeigen. Als wir um 15 Uhr an die Tür klopften, öffnete ein hochgewachsener Mann mit Kutte. Ich fragte ihn freundlich, wo ich denn den Bäcker finden könnte, während mein Mann fast zusammenbrach: Er hatte den Bäcker natürlich auch im schwarzen Habit erkannt.

Jetzt habe ich endlich zum letzten Mittel der Verzweifelten gegriffen: GOOGLE! Und ich habe Folgendes erfahren. Erstens: Die meisten Leute können sich Gesichter gut merken, dafür keine Namen. Okay, auch nicht schön. Zweitens: Sogar Schimpansen können sich gut Gesichter merken. Na danke… Drittens: Frauen können sich besser Gesichter merken, als Männer. Das bedeutet also, ich stehe irgendwo auf dem Level eines testosterongesteuerten Schnurrbarttamarins. Das macht Mut! Denn es kann nur besser werden.

Den ein oder anderen Tipp habe ich im Internet dann doch gefunden: Wie beim Namenmerken sollte man versuchen, auch beim Gesichtermerken Assoziationsketten zu bilden. Je lustiger und unwahrscheinlicher, desto besser. Ich beginne bei Nachrichtensprechern und so langsam macht es mir Spaß.

Ich frage mich zum Beispiel, ob schon mal jemandem aufgefallen ist, dass einer der n-tv-Sprecher ein Prozentzeichen im Gesicht hat: Muttermal, schräge Augenbraue und linkes Auge. Den erkenne ich garantiert wieder! Ansonsten sehe ich mit dieser Methode haufenweise Bulldoggen, Königspudel und Dackel. Nicht schmeichelhaft, aber hilfreich. Mit Hunden kenne ich mich schließlich aus!